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Notizen von Eugen Pletsch

Der Ex-Golfer

In diesem Sommer spielte ich das beste Golf meines Lebens. Ich war dabei so relaxed, dass ich schließlich auf ein, selbst für gewisse Österreicher akzeptables, Handicap von 9,4 rutschte. Meine Auftritte bei den Gala-Diners einer Turnierserie im süddeutschen Raum ermöglichten mir zudem, einige interessante Plätze zu spielen und je mehr ich rum kam, umso mehr lernte ich meinen Heimatclub, den Golfpark Winnerod mit seinen in diesem Jahr ganz besonders hervorragenden Grüns, schätzen.
Hin und wieder, wenn mir danach war, nahm ich an einem Turnier teil und war stets gut platziert, zwei mal sogar mit dem 1. Netto der A-Klasse. Aber dann löckte der Stachel und ich meinte, ernsthaft für die Clubmeisterschaften trainieren zu müssen. Ich verbrachte jede freie Minute auf dem Platz, bis ich vor etwa drei Wochen merkte, dass etwas mit meinem linken Bein nicht stimmte. Merkwürdig. Arthrose habe ich in beiden Knien, links ist der Meniskaus raus, aber das war nicht das übliche Stechen. Es war, wie wenn eine Bandage zu fest ums Knie gewickelt ist und sich das Blut staut. Mein Fuß schien verdreht, ich konnte nicht richtig auftreten. Nach 9 Loch brannten mir die Füße, wie früher nach 27 Loch. Nachdem er mich auf der Runde von hinten zum Abschlag hinken sah, riet mir mein Doc zu Einlagen. Ich pflaumte ihn an, dass ich ziemlich teure Sporteinlagen tragen würde, die er mir verschrieben hätte.
Weil es immer schlimmer wurde, ersuchte ich um einen Termin bei Footpower, unserem regionalen Laufspezialisten, der eine „sensomotorischen Einlage“ entwickelt hat und viele Sportler aller Disziplinen berät. Die Laufanalyse wird auf Video aufgezeichnet. Als ich mir beim nachfolgenden diagnostischen Gespräch, via Beamer auf die Wand projeziert, in Unterhosen entgegengewabbelt kam, bekam ich einen Schock.
Die neue Einlage wurde mir in Windeseile angefertigt. Auf Dauer müsse ich jedoch meine Adduktorenmuskeln trainieren, um meine Knie und Füße zu entlasten, riet mir Herr Staudt von Footpower, der sich höflich über alle anderen zu trainierenden Muskeln ausschwieg.
Ich fuhr zum Platz, spielte neun Loch und “musste”  in meinem verschwitzen nassen Hemd auch noch bis in den kühlen Abend hinein Putten üben.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem gereizten Ischias und wusste gleich, dass der Herrenmittwoch nichts wird. Da ich mich sehr kurzfristig angemeldet hatte, wollte ich jedoch nicht rumzicken und trat trotzdem an. Es wurde die grässlichste Runde des Jahres, da ich mit meiner blockierten LWS nicht durchschwingen konnte. Selbst mein hervorragendes Putten rettete mich nicht und ich kam mit gerade mal 17 Netto und 27 Bruttopunkten rein. Ich fuhr nach Hause, legte mich in mein Basenbad und wollte nie wieder auftauchen.
Aber Karsten Kuhnen hatten seinen ersten Besuch nach zwei Jahren angekündigt und wir waren am nächsten Mittag verabredet. Ihm wollte ich auf keinen Fall absagen. Gottlob stellte uns der Club ein Cart zur Verfügung. Es wurde eine sehr schöne Runde. Mein Rücken war frei, das Bein beachtete ich nicht.
Das war am Donnerstag. Am Freitag konnte ich kaum laufen und besuchte endlich meine Therapeutin. Die Osteopathin schlug die Hände über dem Kopf zusammen und begann an meinem Knie und am Fuß rumzudrehen und zu biegen, was sehr schmerzhaft war, bevor sie mich mit ihren Akupunkturnadeln wie einen Igel spickte.
Die Clubmeisterschaft könnte ich vergessen, meinte sie, wenn ich keinen größeren Schaden davontragen wolle. Ich dürfe aber ein bisschen im Wald spazieren gehen, ansonsten solle ich meditieren. Ich wäre vollkommen überlastet, hätte zu viel gearbeitet.
Ich dachte an den „Weg“, an dem ich monatelang rumgeschraubt hatte, und der, wie mir scheint, ein vollkommen neues Buch geworden ist. Also gut. Ich rief im Club an und sagte meine Teilnahme an der Clubmeisterschaft ab.

Und so kam es, dass ich endlich mein erstes golffreies Wochenende seit langer Zeit hatte. Ehrlich gesagt war es richtig schön. Ausschlafen, was lesen, Korrespondenzen beantworten… Mittags fuhr zu meinem Sohn, der mich eingeladen hatte, mit ihm in die Pilze zu gehen. Ob ich das schaffen würde? Ja, warum nicht, das Bein fühlte sich besser an. Wir müssten ja nicht rennen.
Ich lernte, wie junge Menschen heutzutage Pilze suchen. Sein iPhone hat einen Pilzführer, mit dem er unbekannte Pilze identifiziert. Schöne Pilze fotografiert er und gibt den Bestimmungsort ein. Seine Top-Pfründe für „Krause Glucke“ und Steinpilze hat er per GPS abgespeichert. Unglaublich. Ich humpelte hinter ihm und seinem GPS durch den Wald und fand auch ein paar Steinpilze, die ich heute zu einem leckeren Reis-Steinpilz-Risotto verarbeitete.
„Ich glaube, ich bin jetzt ein EX-Golfer“, sage ich beim Essen zu meiner guten Freundin Petra.
„Ach ja? Schon wieder?“ Sie lachte. Sie kennt das schon seit Jahren.
„Ja“, sagte ich, „diesmal aber richtig echt“.
„Sooo? Und was machst du jetzt?“ fragte sie und konnte sich ihr freches Grinsen nicht verkneifen.
„Ich werde jetzt Bodybuilder“, sagte ich. “Ich werde meine Adduktoren aufmöbeln und zu einem Kraftprotz mutieren. Weißt Du wie wichtig Bauchmuskeln für den Golfschwung, und überhaupt für alles andere auch, sind?“
Petra schüttelte sich vor Lachen.
„Na, lach nur“, dachte ich und vertiefte mich in „Sexy Sixpack“, die angesagte Lektüre für Männer, die es nochmal wissen wollen.

Eugen Pletsch

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