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Notizen von Eugen Pletsch

GURU GURU

In einer langsam steigenden Spirale eiere ich um das, was vor mir liegt. Ich versuche herauszufinden, ob und was ich anlässlich meiner geplanten Überarbeitung vom „Weg der weißen Kugel“ ändern müsste/könnte/sollte. Das ist nämlich nicht ganz so einfach. Seit einem halben Jahr denke ich darüber nach, geschrieben habe ich noch keine Zeile. So ist das, und wer sich anstatt meiner sporadischen Berichterstattung „wieder viele, schöne lustige Geschichten“ wünscht, den bitte ich zu verstehen, dass schöne lustige Geschichten nicht täglich vom Himmel fallen und wenn sie fallen, bin ich oft nicht mit dem Korb an der richtigen Stelle, um sie aufzufangen.
Ich bitte auch zu verstehen, dass ich Eure Mails derzeit nicht so ausführlich beantworten kann, wie das früher möglich war. Gerade deshalb schreibe ich diesen Blog.

Die Autorin und Schauspielerin Maila Barthel hat den „Weg“ als Nichtgolferin ausführlich redigiert an mich zurückgeschickt. Durch ihre Hinweise rückt die Frage, für wen das Buch eigentlich gedacht sein könnte, immer mehr in den Mittelpunkt. Gleichzeitig kommen Rückmeldungen von Freunden an, die mich bitten, nichts oder nur wenig zu ändern. Ich solle höchstens ein paar Aktualisierungen vorzunehmen, der WEG wäre ihr „geistiger“ Einstieg ins Spiel gewesen und es wäre so gut, wie es ist.

In der neuen Ausgabe, die im nächsten Frühjahr erscheinen soll, möchte ich das, was man „Spirit of Golf“ nennt, noch deutlicher herausarbeiten. Nach meiner Kritik an der Entwicklung des modernen Golfsports möchte ich Golfanfängern ein paar Hinweise geben, was (aus meiner Sicht) die Idee dieses Spiels sein könnte.

Ich denke auch über „Die Quadratur des Kreises“ nach. Ist das Golfspiel nur ein Bewegungsablauf, den wir durch Golftechnik lernen? Oder ist das Spiel nicht viel mehr ein koordiniertes Zusammenwirken von vier Säulen: Schwung (Technik), Material (Fitting) und den jeweiligen körperlichen und geistigen Fähigkeiten des Spielers?
Ich denke auch über das nach, was ich das „zielorientierte Spiel“ nenne. Interviews mit Spitzenspieler, die ich las, bestätigten mir meine eigene Erfahrung: Vermeide auf der Runde über Schwungtechnik nachzudenken! Ein besserer Gedanke wäre: Wo ist das nächstes Ziel und mit welchem Schlag bzw. Schläger habe ich die größte Chance, diese Ziel zu erreichen.
Ich habe in diesem Jahr noch nicht viele Bälle im Rough verloren, aber eines ist gewiss: Wenn einer weg war, dann, weil ich z.B. über meinen Griff nachgedacht habe. Also: Ich versuche (im Rahmen meiner motorischen Fähigkeiten) zu einem Ziel hin zu spielen und akzeptiere dann das Ergebnis. Nicht einfach, diese Übung.

Gestern spielte ich im Golfpark Idstein. Zuerst ging es flott voran. Der Platz ist herrlich und trotz der Reste von Grauschimmel auf den Grüns fielen meine Putts. Mir wurde bewusst, dass ich die vor zwei Jahren erlernte Pre-Putt-Routine mittlerweile vollkommen verinnerlicht habe (Danke an Christoph Günther). Auf den ersten 9 Loch spielte ich das beste Golf meines Lebens und lag eins über.
Dann stockte das Spiel, die Konzentration ließ nach, es war sehr heiß, wir liefen auf. Üblicherweise ist das der Moment, an dem das Spiel zusammenbricht. Was zuvor Tap-In zum Par war, verwandelt sich in einen 1,5 Meter Downhill-Putt zum Bogey. Doch während ich früher verschob und mir in meinem Ärger noch ein Double- oder sogar  Triple Bogey einfing, konnte ich mich auf mich selbst verlassen. Die Frisur hielt. Ich spielte meinetwegen ein paar Bogeys, aber das Spiel kippte nicht um und ich kam mit einer 79 rein .
Ich überlegte, wie das passieren konnte und mir fiel ein, dass ich in der Nacht zuvor das erste Mal seit Jahren getanzt habe. Auf meinem alten Campus der Uni Gießen war ein Sommerfest und GURU GURU (Wiki) spielten. Trommler-Legende Mani Neumeier ist ein alter Freund von mir, die „Gurus“ sind ein Mythos und Meilenstein des psychedelischen Krautrock. Ich hatte Anfang der 70er Jahre als Schüler bei Peter Fleischmanns Film „Das Unheil“ mitgespielt und durch die Gruppe Xhol Caravan Kontakt zur Krautrock-Szene bekommen. Die Gurus hatte ich etliche Jahre nicht mehr gesehen. Nur einmal, vor ein paar Jahren, hatten wir Mani zu einer „Onemanshow“ nach Gießen gelockt.
Besonders spannend war für mich, dass Hans Reffert dabei war, den ich aus meiner Mannheimer Zeit als einen der besten Studio-Gitarristen Deutschlands kannte, aber noch nie „life“ gehört hatte.
Zuerst dachte ich, es würden kaum Kids kommen, um sich diese Dinosaurier anzusehen, aber dann füllte sich die Fläche und spätestens als Gitarrist und Saxophonist Roland Schaeffer seine indische Trompete auspackte und Peter Kühmstedt am Bass das Parkett legte, begann die Campus-Jugend zu verstehen, dass es noch eine andere Form von Musik gibt, die ihnen die Mainstream-Industrie bisher vorenthalten hatte.
Mani hatte mir vor dem Konzert erzählt, dass er derzeit mehr gebucht wird, als je zuvor. (Hier die Tourdaten). Mehr als 60 Konzerte in diesem Jahr, über 20 allein in Japan und Australien, und dann gibt es noch das eigene Finkenback- Open Air Festival, das die Gurus seit fast 30 Jahren zusammen mit der freiwilligen Feuerwehr Finkenbach im Odenwald veranstalten. „Finki“ ist Kult und auch für viele
Musiker fast so etwas wie ein schamanistischer Initationsritus geworden.
Wer sich als Vater oder Mutter Gedanken über die Jugend macht, weil sich die Kids zu angepasst und stromlinieneiförmig entwickeln, der sollte sie nach Finkenbach schicken. Sie werden mit leuchtenden Augen nach Hause kommen, weil sie etwas Lebendiges erlebt haben.
Leuchtende Augen hatte ich auch in dieser Nacht, in der ich wild herumhopste. Ich merkte, wie mir nach und nach manche Last von den Schultern rutschte. Nach dem Konzert half ich das Equipment von der Bühne zum Auto schleppen, wobei ich mir prompt die Wade zerrte. Aber wie sagte Andy Warhol einst, oder war es Buddha?
Jeder Mensch sollte einmal in seinem Leben zehn Minuten Roadie bei „Guru Guru“ sein. Dann wird er vollkommene Befreiung erfahren und auch die Putts werden fallen.“

Also befreit Euch!

Eugen Pletsch

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